Jahreslosung 2012: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." (2.Kor.12,9)
Man nennt es auch „Knoten im Kopf“ – wenn man gerne möchte, aber aus irgendwelchen Gründen nicht so recht kann; es sperrt sich etwas. Da will einer nach einem lange zurückliegenden Erbstreit endlich mal das Kriegsbeil begraben, aber er findet nicht zum ersten Schritt / einer verliert langsam die Motivation an seiner Arbeit, weil er sich aufgrund seines Alters hinausgedrängt fühlt / jemand hat nach einer Krankheitserfahrung nur noch Angst, dass es ihn wieder trifft / eine Person, der man sich anvertraut hatte, hat einen verraten und fortan ist man allen Menschen gegenüber misstrauisch… oft kleine Erfahrungen, die große Auswirkungen auf die persönliche Lebensgestaltung haben.
Ähnliches, eine Art „Knoten im Kopf“, mag der Apostel Paulus erlebt haben: was seine Einsatzfreude für die Sache Jesu betraf, war er eigentlich nicht zu bremsen. Zwei Missionsreisen - mit für uns unvorstellbaren Strapazen - hatte er schon hinter sich, jetzt war er auf der dritten unterwegs und verlor plötzlich die Lust. Auslöser waren Rückenschmerzen, die er nicht mehr wegstecken konnte – und sie wollten einfach nicht vergehen, obwohl er fleißig darum gebetet hatte. Für ihn ein Anlass schon mal den lieben Gott zu fragen, was das soll, wenn er „im Auftrag des HERRN“ unterwegs ist und dieser HERR ihm nicht mal die Schmerzen nehmen kann? Er, Paulus, wollte doch mit voller Tatkraft weiterarbeiten. Schwäche zeigen war seine Sache nicht, schon als Kind war er streng erzogen worden, alle jüdischen Vorschriften einzuhalten. Das vermittelte ihm offensichtlich ein Bild von Gott, der unheimlich viel fordert und kaum zu befriedigen ist.
In seiner Verzweiflung erhält er eine Antwort, die „den Knoten im Kopf“ doch löst. Gott gibt ihm eine neue Sicht. Er bemitleidet den armen Paulus nicht nach dem Motto: ‚Pech gehabt – Gesundheit ist halt doch das Wichtigste‘. Er tröstet ihn: ‚Du brauchst Dich nicht auf Deine Kraft verlassen, gerade in Deiner Schwäche kann ich Dich gebrauchen in einer Form, die Du so vorher nicht kanntest‘. Gott antwortet ihm: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2.Kor.12,9). Paulus erfährt: Bei Gott wird keiner aussortiert. Das vermittelt ihm einen neuen Schwung, der Knoten löst sich tatsächlich auf, er kann sogar sagen: „Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.“ -
Die Jahreslosung passt in eine Zeit, wo jeder sich gerne mit dem anderen vergleicht – das tun wir ja manchmal abfällig arrogant und wiederum oft voller Neid. Uns selbst in unserer Besonderheit zu begreifen ist der Anfang, sich bewusst als „Kind Gottes“ zu sehen - was uns übrigens unverrückbar in der Taufe zugesprochen wird.
„Sei der du bist – gib was du hast“, dieser Satz von Rose Ausländer entspricht durchaus der Erkenntnis, die Paulus machen durfte. Ähnlich wird von Rabbi Susja überliefert in den Worten: "In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: 'Warum bist du nicht Mose gewesen?' Man wird mich vielmehr fragen: 'Warum bist du nicht Susja gewesen?' Man wird mich nicht fragen: ,Warum hast du nicht das Maß erreicht, das der größte und gewaltigste Glaubende unserer Religion gesetzt hat?' Sondern man wird mich fragen: ,Warum hast du nicht das Maß erfüllt, das Gott dir ganz persönlich gesetzt hat? Warum bist du nicht das geworden, was du eigentlich hättest werden sollen?'"
Ich wünsche uns viele ehrliche Begegnungen in 2012,
Ihr Pfarrer Ekkehard Aupperle